Sapere aude

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Sapere aude

Graue verregnete Tage eignen sich hervorragend dafür, sich entweder mit einem Buch zu verkrümeln, oder eben mit der Familie in irgendein Museum zu fahren. Überhaupt bringe ich Museen immer mit schlechtem Wetter in Verbindung. Mittlerweile finde ich, dass das keine gerechtfertigte Konnotation für ein Museum ist. Wie dem auch sei.

So ein Museumsbesuch kann so viel mehr sein, als die Regen-Alternative zum Sonnenscheinprogramm.

Als aufmerksamer Schlecht- Wetter- Museumsbesucher ist es nicht nur interessant, die dort ausgestellten Exponate zu betrachten, sondern auch die Exponate zu beobachten, die sich die Exponate ansehen.

Nach einem Ausflug naturkundlicher, historischer oder technischer Art kann man hervorragend Soziogramme erstellen.

Am allerbesten geht das, wenn man direkten Bezug zwischen den Exponaten hinter und denen vor der Glasscheibe herstellen kann.

Man stelle sich vor, wir befinden uns in einem Museum, das die Evolution des eigenen Daseins ausstellt.

Zunächst tauchen wir prähistorisch ein in die Welt der Dinosaurier. Also so ungefähr zweihundertdreißig Millionen Jahre zurück. Die stattlichen Tiere lassen uns vor Ehrfurcht verstummen. Zum Glück!

Denn je näher wir uns Richtung Neuzeit vorarbeiten, wird die Diskrepanz zwischen den Geschöpfen der Jetztzeit und den Urzeitmenschen paradoxer Weise größer. Und das meine ich nicht im positiven Sinne der Evolution.

Im direkten Vergleich zwischen Urzeitmenschen und Neuzeitmenschen fällt dem aufmerksamen Museumsgänger auf, was während ein paar zehntausend Jährchen wirklich alles schief gehen kann.

Aus der Kreativität, die Höhlenmenschen an den Tag legten, hat der scheinbar hochentwickelte Hightechmensch nur das mitgenommen, dass er nun vor dem Modell des Höhlenmenschen steht und völlig frei erfundene, urzeitliche Geräusche von sich gibt. Wahrscheinlich in der Hoffnung, irgendeine Art von Kommunikation mit dem ihm gegenüberstehenden, künstlichen Exponat zu betreiben.

Diesem Schauspiel eine Weile beiwohnend fragt man sich, was genau da nicht richtig gelaufen ist, bevor man sich weiter auf den Weg durch die Zeit begibt und das nächste neuzeitliche Exponat entdeckt. Dies versucht in der (wohlgemerkt künstlich hergestellten) Eiszeitlandschaft, zu ertasten, ob der Pappmachéschnee nicht vielleicht doch echt ist. Es bemerkt auch nach mehrmaligem Knibbeln an der schon sichtbar abgeriebenen Schneedecke offensichtlich nicht, dass das kein richtiger Schnee ist.

Kopfschüttelnd bewegt man sich dann weiter auf der Tour durch die Zeit.

In den meisten Museen ist es so, dass man einen vorgegebenen Weg abläuft, der oft auch selbsterklärend ist. Oder (wenn dem nicht der Fall ist, weil man, ähnlich wie unsere Vorfahren durch dunkele Höhlengänge gehen muss) man wird vom freundlichen Museumspersonal eingewiesen, wo es lang geht.

Das klingt dann in etwa so:“ Da vorne, hinter dem Nebel, rechts.“

Ein Glück, dass nicht der hochentwickelte Hightechmensch unser Vorfahr war, sonst hätte die Evolution da vorne, hinter dem Nebel links, direkt an der Wand ein jähes Ende gefunden.

Aber auch der putzige Nachwuchs des intelligenten Hightech- Neuzeit- Menschen zeugt von Fehlerhaftigkeit in der Entwicklungsgeschichte.

Für die Kleinen und wirklich nur für die richtet man in vielen Museen auch Mitmach- Stationen ein. Die werden sehr gerne vom hochentwickelten Klientel genutzt.

Eine schöne Idee ist ein Kriechtunnel aus Plexiglas, durch den man in eine längst vergangene Zeit rein krabbeln kann und im besten Falle auch wieder raus.

Kerzengerade Tunnel, die nur in zwei Richtungen führen. Rein und raus eben.

Die großen Intelligento- Homo- Sapienses schauen glückselig zu, wie ihre, nicht mehr von Hungersnot bedrohten Wonneproppen eintauchen in die Anderswelt.

Dort stecken die Kleinen dann ihre Köpfe durch eine Plexiglaskuppel nach oben in Höhlenlandschaften.

Übermannt vor Freude ob des schönen Motivs zücken die stolzen, aufrecht gehenden Erwachsenen ihre Mobiltelefone, um von ihren Kevins und Joelles ein schnelles Foto zu schießen, während der kleine, propere Knilch plötzlich einen hochroten Kopf bekommt, Panik in den Augen stehen hat und den Weg aus dem Kriechtunnel zurück nicht mehr findet.

Für immer gefangen in der Eiszeit! Was für ein Naturschauspiel und alles im Eintrittspreis inbegriffen.

Nach kläglichen Versuchen des Homo erectus et sapiens, den gut genährten Körper in den Kriechtunnel zu bugsieren, besinnen sich die besorgten Eltern ihrer Vorfahren und schaffen es letztlich, mit urzeitlich gebrüllten Anweisungen, den Nachwuchs zum Ende des Tunnels zu geleiten. Vor Erleichterung klopfen sie sich auf die Brust und ganz nach Manier der Vorfahren pressen sie ein „uga, uga“ hervor.

Ich reise doch lieber nochmal zurück zu den Dinos und hoffe, dass alles doch noch irgendwie in Ordnung geht.

One thought on “Sapere aude

  1. Schön ist es auch, Primaten in skandinavischen Möbelhäusern zu beobachten, die sich ebenfalls an auf den Boden gemalten Richtungspfeilen orientierend von den primitiven Anfängen der Gummiballhöhlen, vorbei an unzweckmäßig großen, gepolsterten Sitz- und Liegeflächen zu den Küchenwerkzeugen für grobmotorische Haptiker bis hin zu den bedrohlich in die Höhe ragenden Packregalen weiterentwickeln. Der anschließend per Handscanner in der Neuzeit angekommene Andersthaler gleicht äußerlich und innerlich immer noch den eingangs gesichteten Primaten, nunmehr ausgestattet mit allerlei modernen, meist unnötigen Paraphernalien, die zuhause erst mit Spezialwerkzeug ihrer Funktionalität zugeführt werden müssen.

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